Interview
Dr. Marcel Klinge für das Magazin „KÜCHE“
Dr. Marcel Klinge
- ist Co-Founder und Vorstandssprecher der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG). Von 2017 bis 2021 war er Mitglied des Deutschen Bundestages sowie Mitglied der Ausschüsse für Wirtschaft, Tourismus und Sport. Als tourismuspolitischer Sprecher der FDP setze er sich während der Corona-Pandemie in besonderem Maße für die Anliegen mittelständischer Betriebe ein.
Sie sprechen von einem drohenden „Kosten-Schock“ für die Gastwelt. Welche Betriebe wären aus Ihrer Sicht besonders betroffen – und warum?
Besonders betroffen wären einmal wieder kleine und mittelständische Betriebe – also in der Masse die vielen familiengeführten Restaurants, Cafés, Hotels, Caterer oder Freizeitbetriebe. Sie arbeiten oft mit sehr geringen Margen und müssen Personal flexibel einsetzen, weil die Nachfrage je nach Tageszeit, Wochentag oder Saison stark schwankt. Das eigentliche Problem ist aber die Gleichzeitigkeit der Belastungen: Mindestlohn, Sozialabgaben und zusätzliche Arbeitgeberpflichten wachsen parallel an. Jede einzelne Maßnahme wäre vielleicht für sich genommen noch verkraftbar. In der Summe fehlt vielen Betrieben aber schlicht der wirtschaftliche Spielraum. Das kann schlicht und ergreifend nicht funktionieren.
Warum spielen Minijobs gerade in Gastronomie, Hotellerie und Freizeitwirtschaft eine größere Rolle als in vielen anderen Branchen?
Jeder weiß, dass die Gastwelt (Tourismus, Hospitality, Foodservice & Freizeit) ganz anders funktioniert als eine Fabrik. Gäste kommen abends, am Wochenende, in den Ferien oder zu Veranstaltungen – jedenfalls nicht nach einem klassischen Acht-Stunden-Takt. Minijobs helfen uns, diese Spitzen abzudecken. Gleichzeitig bieten sie Studierenden, Schülerinnen und Schülern, Rentnern oder Menschen mit einem Hauptberuf die Möglichkeit, flexibel etwas hinzuzuverdienen. Viele Generationen haben sich so ihr Studium oder den Familienurlaub finanziert. Diese Flexibilität ist ja nicht nur ein wesentlicher Teil unseres Geschäftsmodells, sondern auch ein wichtiger Hinzuverdienst für viele Menschen in diesem Land. An die denkt in der Diskussion scheinbar gerade niemand.
Kritiker argumentieren, dass eine stärkere Einbeziehung von Minijobs in die Sozialversicherung langfristig den Beschäftigten zugutekommt. Warum halten Sie die geplanten Veränderungen dennoch für problematisch?
Die Politik sollte nun wirklich mal einen Realitätscheck machen. Das Ziel einer besseren Altersvorsorge ist richtig. Die entscheidende Frage ist aber, ob der vorgeschlagene Weg funktioniert. Viele Minijobber werden nicht automatisch in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wechseln und auch wechseln können. Viele werden schlicht aufhören, weil sich zusätzliche Arbeit finanziell für sie dann nicht mehr lohnt. Dann verlieren wir Arbeitskräfte, ohne die soziale Absicherung wesentlich zu verbessern. Schon heute schließen Restaurants früher oder weiten Ruhetage aus – nicht wegen fehlender Gäste, sondern wegen fehlender Mitarbeiter. Stellen können nicht mehr besetzt werden, unabhängig vom Beschäftigungsmodell. Genau deshalb sollten wir grundlegende Reformen immer an der Realität orientieren. Und die ist in der Gastwelt komplexer als vom Verhandlungstisch ausgesehen wird.
„Wer Innenstädte stärken, Regionen attraktiv halten und Wertschöpfung sichern will, kommt an der Gastwelt nicht vorbei. Wir sind nicht Teil des Problems – wir sind Teil der Lösung“
Dr. Marcel Klinge
Welche Alternativen sehen Sie, um sowohl die notwendige Flexibilität der Betriebe als auch eine bessere soziale Absicherung der Beschäftigten zu gewährleisten?
Wir sollten jedenfalls nicht dringend notwendige Flexibilität abschaffen, sondern Übergänge erleichtern. Zusätzliche Arbeit muss sich wieder lohnen, z.B. durch steuerliche Entlastungen bei Zweitjobs, höhere Freibeträge oder geringere Abgaben auf zusätzliche Arbeitsstunden. Gleichzeitig können freiwillige Modelle der betrieblichen Altersvorsorge weiter ausgebaut werden. Entscheidend ist doch: Niemandem ist geholfen, wenn Beschäftigte am Ende gar keine Möglichkeit mehr haben, zusätzliches Einkommen zu erzielen. Der Aufschrei bei hunderttausenden Betroffenen wird groß sein, ganz abgesehen von dem der Unternehmen.
Welche konkreten Änderungen erwarten Sie jetzt von der Bundesregierung, damit die Betriebe Planungssicherheit erhalten?
Unsere Unternehmen brauchen endlich vor allem Verlässlichkeit. Heute Hü, morgen Hott schafft kein Vertrauen. Reformen müssen gemeinsam mit den betroffenen Branchen entwickelt und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen sorgfältig geprüft werden. Dieses Top-Down-Modell hat sich überlebt. Gleichzeitig braucht die Gastwelt endlich Fortschritte beim Bürokratieabbau und mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten. Das wären echte Standortverbesserungen – und vieles davon ließe sich kurzfristig umsetzen.
Unabhängig von der aktuellen Reform: Wie müsste aus Sicht der DZG ein modernes Beschäftigungsmodell für die Gastwelt in zehn Jahren aussehen?
Ich glaube weiter an einen flexibleren Arbeitsmarkt. Menschen wollen und werden auch künftig je nach Lebensphase unterschiedlich arbeiten. Die Gastwelt kann davon profitieren, wenn wir flexible Beschäftigungsmodelle, digitale Personalplanung, moderne Weiterbildung und attraktive Arbeitsbedingungen intelligent verbinden. Arbeit muss grundsätzlich einfacher, produktiver und gleichzeitig familienfreundlicher werden. Das hat mit Politik zu tun, aber einen großen Teil müssen wir natürlich auch selbst bringen und können das auch, wenn die Bedingungen stimmen.
Wo sehen Sie trotz der aktuellen Diskussion Chancen für die Branche – und welche Entwicklungen sollten Betriebe aus Ihrer Sicht schon heute anstoßen?
Die Chancen sind da und sie sind größer, als viele glauben. Freizeit, Reisen und gemeinsame Erlebnisse gehören weltweit zu den stärksten Wachstumsmärkten der kommenden Jahrzehnte, da bin ich mir sicher. Gerade durch die zahlreichen Krisen der letzten Jahre suchen Menschen Begegnung und Erholung, sie müssen bei aller Krise und Disruption auch mal abschalten. Gleichzeitig werden die Menschen aber älter und verfügen vielfach über mehr Zeit und Kaufkraft. Deutschland kann davon profitieren. Dafür brauchen wir zuallererst gute und langfristige politische Rahmenbedingungen. Aber auch die Betriebe müssen ihre Hausaufgaben machen, konsequent in Digitalisierung, Servicequalität, Mitarbeiterbindung und neue Geschäftsmodelle investieren. Fakt ist: Wer Innenstädte stärken, Regionen attraktiv halten und Wertschöpfung sichern will, kommt an der Gastwelt nicht vorbei. Wir sind nicht Teil des Problems – wir sind Teil der Lösung.