Gastwelt-Botschafter
Zwischen Wachstum und Personalmangel: Die Krise im Gastgewerbe
Olaf P. Beck
- Vice President People & Culture der Lindner Hotel Group und verantwortet dort die strategische und operative Weiterentwicklung der HR-Funktion. Sein Fokus liegt insbesondere auf Arbeitgeberattraktivität, Führungskultur, Personalentwicklung, Digitalisierung und Transformation. Darüber hinaus engagiert er sich als Gastwelt-Botschafter der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG) für die Stärkung und Weiterentwicklung der Gastwelt als Wirtschafts- und Arbeitsstandort.
Warum die Zukunft der Gastwelt bei den Menschen beginnt
Die Diskussion über den Fachkräftemangel begleitet unsere Branche seit vielen Jahren. Kaum ein Branchentreffen, kaum eine Podiumsdiskussion und kaum ein Strategieworkshop kommt ohne dieses Thema aus. Dabei entsteht häufig der Eindruck, als sei der Mangel an Arbeitskräften das eigentliche Problem unserer Branche.
Ich bin überzeugt: Das greift zu kurz.
Ja, die demografische Entwicklung stellt uns vor enorme Herausforderungen. Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter wird in den kommenden Jahren weiter sinken. Gleichzeitig konkurrieren nahezu alle Branchen um dieselben Talente. Diese Realität können wir nicht verändern.
Was wir jedoch verändern können, ist die Art und Weise, wie wir Menschen für unsere Unternehmen gewinnen, entwickeln und langfristig binden.
Die Gastwelt war schon immer eine Branche der Begegnungen. Hotels, Restaurants und touristische Betriebe leben von Menschen, die für Menschen arbeiten. Genau deshalb wird die Qualität unserer Führungskultur künftig wichtiger sein als jede Recruiting-Kampagne.
In den vergangenen Jahren haben viele Unternehmen erhebliche Anstrengungen unternommen, um attraktive Vergütungssysteme und Benefits zu schaffen. Das ist richtig und notwendig. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass Mitarbeitende selten ausschließlich wegen des Gehalts ein Unternehmen verlassen. Häufiger sind fehlende Perspektiven, mangelnde Wertschätzung, unklare Kommunikation oder eine Führungskultur, die nicht zu den Erwartungen moderner Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer passt.
Die Anforderungen an Arbeitgeber haben sich verändert.
Menschen suchen heute nicht nur einen Arbeitsplatz. Sie suchen Orientierung, Entwicklungsmöglichkeiten und Sinn. Sie möchten verstehen, welchen Beitrag sie leisten und warum ihre Arbeit wichtig ist. Gerade die jüngeren Generationen erwarten mehr als eine Stellenbeschreibung. Sie möchten Teil einer Unternehmenskultur sein, mit der sie sich identifizieren können.
Bei der Lindner Hotel Group beschäftigen wir uns intensiv mit dieser Frage. Unter unserem Purpose #MakingPeopleFeelGreat verfolgen wir den Anspruch, nicht nur unseren Gästen besondere Erlebnisse zu schaffen, sondern auch für unsere Mitarbeitenden ein Umfeld zu gestalten, in dem Entwicklung, Zugehörigkeit und Wertschätzung erlebbar werden.
Dabei haben wir gelernt, dass Arbeitgeberattraktivität kein einzelnes Projekt ist. Sie entsteht aus vielen Bausteinen: einer klaren Unternehmenskultur, guter Führung, strukturierten Entwicklungsangeboten, transparenten Karrierewegen und einer offenen Kommunikation.
Gleichzeitig müssen wir uns ehrlich machen. Die Herausforderungen der Zukunft werden wir nicht allein durch mehr Recruiting lösen können. Wir müssen produktiver werden und unsere Mitarbeitenden gezielt entlasten.
Hier spielen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz eine entscheidende Rolle. Nicht, um Menschen zu ersetzen, sondern um ihnen mehr Zeit für das Wesentliche zu geben. In vielen Unternehmen sind HR-Prozesse, Zeiterfassung, Recruiting, Personalentwicklung und Reporting noch immer durch unterschiedliche Systeme geprägt. Wertvolle Ressourcen werden durch manuelle Tätigkeiten gebunden. Die intelligente Vernetzung von Daten und Prozessen wird deshalb zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
Ebenso wichtig ist die Investition in Qualifizierung und Entwicklung. Wer Menschen langfristig binden möchte, muss ihnen Perspektiven bieten. Lernen darf kein einmaliges Ereignis sein, sondern muss Teil der Unternehmenskultur werden. Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden konsequent entwickeln, werden auch in einem angespannten Arbeitsmarkt erfolgreicher sein.
Die Gastwelt hat trotz aller Herausforderungen enorme Stärken. Wir bieten etwas, das viele andere Branchen nicht leisten können: echte Begegnungen, Emotionen und die Möglichkeit, Menschen positive Erlebnisse zu schenken. Darauf können wir stolz sein.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir genügend Fachkräfte finden. Die entscheidende Frage lautet, ob wir als Branche die Voraussetzungen schaffen, damit Menschen gerne Teil unserer Unternehmen sein möchten.
Die Zukunft der Gastwelt entscheidet sich nicht allein an der Rezeption, im Service oder in der Küche. Sie entscheidet sich darin, wie wir Menschen führen, entwickeln und begeistern. Wer Mitarbeitende gewinnt, gewinnt Gäste. Und wer Gäste gewinnt, gewinnt Zukunft.