Publikationen
Studie Governance Tourismuspolitik

Nationale tourismus­politische Verantwortlichkeiten in Europa

Wie steuern Deutschlands Nachbarn ihre Tourismuspolitik? Ein europäischer Vergleich von Zuständigkeiten, nationalen Tourismus­organisationen und Förderlandschaften.

ITTH
Prof. Dr. Ralph Vogler, Leonie Doll & Ann-Kathrin Kopp
Institute of Tourism, Travel & Hospitality · für die DZG
26 Seiten Februar 2024 PDF · kostenfrei
DZG
Governance-Studie
Nationale tourismus­politische Verantwortlichkeiten in der EU
Vogler · Doll · Kopp
Institute of Tourism, Travel & Hospitality
Level 3
Verortung der dt. Tourismus­politik
8,8 %
Anteil des Tourismus am deutschen BIP (2022)
Level 3
Politische Verortung Deutschlands – europaweit einzigartig
12 / 15
Bundesministerien mit Gastwelt-Themen befasst
6
Tier-1-Länder mit eigenem Tourismusministerium
Das Wichtigste in Kürze
1 Deutschland verortet seine nationale Tourismuspolitik auf Hierarchie-Ebene 3 – als Koordinator, zusammengelegt mit der maritimen Wirtschaft. Das ist in Europa einzigartig.
2 Fast alle Länder mit über 10 % Tourismus-BIP haben ein eigenes Ministerium; im Regelfall liegt die Verantwortung auf Staatssekretärs-Ebene (Level 2).
3 Nicht die politische Verortung allein entscheidet, sondern das Zusammenspiel aus Politik, nationaler Tourismus­organisation (NTO) und Förderung.
4 Österreich und die Schweiz besitzen eine deutlich ausdifferenziertere nationale Förderlandschaft – Deutschland fehlen vergleichbare touristische Fördersäulen, obwohl die Institutionen vorhanden sind.

Worum es geht

Mit fast neun Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt und 5,8 Millionen Beschäftigten ist die Gastwelt einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige Deutschlands – politisch aber bemerkenswert verteilt organisiert.

Tourismuspolitik ist in Deutschland eine Querschnittsaufgabe: In der 20. Wahlperiode waren zwölf von fünfzehn Bundesministerien mit Gastwelt-Themen befasst, dazu Länder und EU. Das Ergebnis ist ein hoher Abstimmungsbedarf – und die wiederkehrende Klage, der Tourismus habe institutionell nicht den Stellenwert, der ihm ökonomisch und gesellschaftlich zukäme.

Die DZG hat das Institute of Tourism, Travel & Hospitality (ITTH) beauftragt, den Blick über die Grenze zu richten: Wie verteilen unsere Nachbarn tourismuspolitische Kompetenzen? Welche Rolle spielen die nationalen Tourismus­organisationen – und wie ist die Förderlandschaft ausgestaltet? Die Studie spricht bewusst keine Empfehlung aus, sondern liefert eine belastbare Grundlage für die Debatte.

01
Politische Verantwortlichkeiten
Organisatorische Einbindung des Tourismus in nationale Ministerien – inklusive der ökonomischen Bedeutung (BIP-Anteil).
02
NTO: Aufgaben & Selbstverständnis
Rolle der Nationalen Tourismusorganisationen im Untersuchungsraum, mit Schwerpunkt auf Deutschland, Österreich und der Schweiz.
03
Förderprogramme 2023–2025
Analyse touristischer Fördermaßnahmen im DACH-Raum sowie relevanter EU-Förderlinien (u. a. EFRE, Interreg).

Tourismus & BIP: drei Cluster

Eingeteilt nach dem touristischen Anteil am BIP 2022 (WTTC) zeigt sich ein klares Muster.

Je höher die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus, desto eher existiert ein eigenständiges Ministerium. Fast alle Länder mit einem touristischen BIP-Anteil über 10 % verfügen über ein eigenes Tourismusministerium.

Tier 1 · > 10 % BIPEigenständige Tourismusministerien
Land BIP-Anteil Ministerium

Ausnahme: Portugal hat trotz hohem BIP-Anteil kein eigenes Ministerium – dafür eine mit über 300 Mio. € außergewöhnlich finanzstarke nationale Tourismus­organisation.

Tier 2 · 8–10 % BIPRegelfall: Staatssekretärs-Ebene (Level 2)
Land BIP Verortung Ebene

„Sonstige Märkte" (< 8 % BIP) mit eigenem Ministerium: nur Bulgarien, Irland, Polen und Rumänien – meist aus historischen Gründen. Belgien und die Niederlande verorten Tourismus rein regional; nordische und baltische Länder über Public-Private-Partnerships.

Einzig die Verortung der nationalen Tourismuspolitik in Deutschland ab 2022 hat singulären Charakter – auf Hierarchie-Ebene 3 und zusammengelegt mit der maritimen Wirtschaft.
Kernbefund der Studie · Deutschland verlässt die DACH-Logik

In nahezu allen untersuchten Ländern ist der Tourismus mindestens auf Staatssekretärs-Ebene direkt unter dem Minister verankert. Deutschland bildet hier – abgesehen von Staaten mit rein regionaler Zuständigkeit – die einzige Ausnahme: Der Koordinator der Bundesregierung für maritime Wirtschaft und Tourismus sitzt auf der dritten Ebene, unterhalb von Minister und Staatssekretär.

Bild · Tourismuspolitik / Berlin
Tourismuspolitik ist in Deutschland eine Querschnittsaufgabe über zahlreiche Ressorts hinweg.

Nationale Tourismus­organisationen im DACH-Raum

Drei Nachbarn, drei Selbstverständnisse – mit einem gemeinsamen Kern.

Im Kern verfolgen die NTOs in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor allem Marketingaufgaben. Wo strategische Aufgaben hinzukommen – wie in Österreich – erweitert sich das Selbstverständnis um gestalterische Rollen.

Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT)
Deutschland

Vermarktung Deutschlands als Reiseziel mit mehr als 20 Auslandsstandorten. Versteht sich zugleich als treibende Kraft im Wissenstransfer (u. a. Open Data) und arbeitet eng mit Ländern, Regionen und Verbänden zusammen.

Österreich Werbung
Österreich

Markenbotschaft Österreichs an 21 Standorten, Erschließung neuer Quellmärkte und Innovations-/Digitalisierungstreiber. Zudem Netzwerkknoten und Organisator der Beteiligungsprozesse für die nationale Tourismusstrategie.

Schweiz Tourismus
Schweiz

Vermarktung der Marke Schweiz im In- und Ausland. Als Querschnittsorganisation eng mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) verzahnt, dem sie auch als Sounding-Board und Think-Tank dient.

Förderlandschaft im Vergleich

Österreich und die Schweiz fördern Tourismus national deutlich ausdifferenzierter.

Während Deutschlands nationale Tourismusförderung begrenzt und stark zweckgebunden ist, haben die Nachbarn eigene Fördersäulen etabliert. Strukturelle Hürden, Ähnliches in Deutschland aufzubauen, sind laut Studie nicht ersichtlich – Institutionen wie die KfW existieren bereits.

Deutschland
Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes → „Grüne Transformation"
Lift-Förderung (1,5 Mio. €)
Schwerpunkt Nachhaltigkeit
Begrenzt & zweckgebunden
Österreich
Nationale Strategie „Plan T"
OeHT – Hotel- & Tourismusbank
Alpine Infrastruktur, KMU-Resilienz
Ausdifferenziert & strategisch
Schweiz
Innotour (Innovation)
Neue Regionalpolitik (NRP)
Kantonale Programme & Lotteriefonds
Breit & regional verankert

Fazit & Bewertung

Der Tourismus ist für Deutschland wirtschaftlich so bedeutend wie in Ländern, die als deutlich „touristischer" gelten – teils sogar bedeutender. Daraus folgt aber nicht zwingend, dass diese Bedeutung ein eigenes Ministerium braucht. Entscheidend ist nicht die politische Verortung allein, sondern das gute Zusammenspiel aus Politik, NTO und Förderung.

Wirkungsstarke Tourismuspolitik lässt sich auf vielen Wegen erreichen: über finanzstarke, breit aufgestellte Tourismus­organisationen wie in Portugal und Spanien, über Public-Private-Partnerships wie in den nordischen Ländern oder über gebündelte Kompetenzzentren von Hochschulen und Wirtschaft wie in den Niederlanden. Vergleichbare Ansätze gibt es in Deutschland bereits auf Länderebene – etwa das Bayerische Zentrum für Tourismus.

Kernaussage

Nicht das Etikett „Ministerium" entscheidet über erfolgreiche Tourismuspolitik, sondern wie eng Politik, Tourismus­organisation und Förderung zusammenwirken. Hier liegt für Deutschland Gestaltungsspielraum.

Zitiervorschlag

Vogler, R., Doll, L. & Kopp, A.-K. (2024). Nationale tourismuspolitische Verantwortlichkeiten und ausgewählte Rahmenbedingungen in der Europäischen Union. Institute of Tourism, Travel & Hospitality, im Auftrag der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG).

Alle Publikationen
Pressekontakt: presse@zukunft-gastwelt.de
Governance-Studie
Komplette Studie als PDF
26 Seiten · inkl. Tabellen, Quellen & Bibliografie · kostenfrei
Herunterladen
Forschung für die Zukunft der Gastwelt

Mehr Studien & Politikbriefe der Denkfabrik

Erhalten Sie neue Publikationen, Analysen und Politikbriefe direkt in Ihr Postfach – kompakt und ohne Umwege.

Alle Publikationen Zum Newsroom →