Worum es geht
Mit fast neun Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt und 5,8 Millionen Beschäftigten ist die Gastwelt einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige Deutschlands – politisch aber bemerkenswert verteilt organisiert.
Tourismuspolitik ist in Deutschland eine Querschnittsaufgabe: In der 20. Wahlperiode waren zwölf von fünfzehn Bundesministerien mit Gastwelt-Themen befasst, dazu Länder und EU. Das Ergebnis ist ein hoher Abstimmungsbedarf – und die wiederkehrende Klage, der Tourismus habe institutionell nicht den Stellenwert, der ihm ökonomisch und gesellschaftlich zukäme.
Die DZG hat das Institute of Tourism, Travel & Hospitality (ITTH) beauftragt, den Blick über die Grenze zu richten: Wie verteilen unsere Nachbarn tourismuspolitische Kompetenzen? Welche Rolle spielen die nationalen Tourismusorganisationen – und wie ist die Förderlandschaft ausgestaltet? Die Studie spricht bewusst keine Empfehlung aus, sondern liefert eine belastbare Grundlage für die Debatte.
Tourismus & BIP: drei Cluster
Eingeteilt nach dem touristischen Anteil am BIP 2022 (WTTC) zeigt sich ein klares Muster.
Je höher die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus, desto eher existiert ein eigenständiges Ministerium. Fast alle Länder mit einem touristischen BIP-Anteil über 10 % verfügen über ein eigenes Tourismusministerium.
Ausnahme: Portugal hat trotz hohem BIP-Anteil kein eigenes Ministerium – dafür eine mit über 300 Mio. € außergewöhnlich finanzstarke nationale Tourismusorganisation.
„Sonstige Märkte" (< 8 % BIP) mit eigenem Ministerium: nur Bulgarien, Irland, Polen und Rumänien – meist aus historischen Gründen. Belgien und die Niederlande verorten Tourismus rein regional; nordische und baltische Länder über Public-Private-Partnerships.
In nahezu allen untersuchten Ländern ist der Tourismus mindestens auf Staatssekretärs-Ebene direkt unter dem Minister verankert. Deutschland bildet hier – abgesehen von Staaten mit rein regionaler Zuständigkeit – die einzige Ausnahme: Der Koordinator der Bundesregierung für maritime Wirtschaft und Tourismus sitzt auf der dritten Ebene, unterhalb von Minister und Staatssekretär.
Nationale Tourismusorganisationen im DACH-Raum
Drei Nachbarn, drei Selbstverständnisse – mit einem gemeinsamen Kern.
Im Kern verfolgen die NTOs in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor allem Marketingaufgaben. Wo strategische Aufgaben hinzukommen – wie in Österreich – erweitert sich das Selbstverständnis um gestalterische Rollen.
Vermarktung Deutschlands als Reiseziel mit mehr als 20 Auslandsstandorten. Versteht sich zugleich als treibende Kraft im Wissenstransfer (u. a. Open Data) und arbeitet eng mit Ländern, Regionen und Verbänden zusammen.
Markenbotschaft Österreichs an 21 Standorten, Erschließung neuer Quellmärkte und Innovations-/Digitalisierungstreiber. Zudem Netzwerkknoten und Organisator der Beteiligungsprozesse für die nationale Tourismusstrategie.
Vermarktung der Marke Schweiz im In- und Ausland. Als Querschnittsorganisation eng mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) verzahnt, dem sie auch als Sounding-Board und Think-Tank dient.
Förderlandschaft im Vergleich
Österreich und die Schweiz fördern Tourismus national deutlich ausdifferenzierter.
Während Deutschlands nationale Tourismusförderung begrenzt und stark zweckgebunden ist, haben die Nachbarn eigene Fördersäulen etabliert. Strukturelle Hürden, Ähnliches in Deutschland aufzubauen, sind laut Studie nicht ersichtlich – Institutionen wie die KfW existieren bereits.
Fazit & Bewertung
Der Tourismus ist für Deutschland wirtschaftlich so bedeutend wie in Ländern, die als deutlich „touristischer" gelten – teils sogar bedeutender. Daraus folgt aber nicht zwingend, dass diese Bedeutung ein eigenes Ministerium braucht. Entscheidend ist nicht die politische Verortung allein, sondern das gute Zusammenspiel aus Politik, NTO und Förderung.
Wirkungsstarke Tourismuspolitik lässt sich auf vielen Wegen erreichen: über finanzstarke, breit aufgestellte Tourismusorganisationen wie in Portugal und Spanien, über Public-Private-Partnerships wie in den nordischen Ländern oder über gebündelte Kompetenzzentren von Hochschulen und Wirtschaft wie in den Niederlanden. Vergleichbare Ansätze gibt es in Deutschland bereits auf Länderebene – etwa das Bayerische Zentrum für Tourismus.
Nicht das Etikett „Ministerium" entscheidet über erfolgreiche Tourismuspolitik, sondern wie eng Politik, Tourismusorganisation und Förderung zusammenwirken. Hier liegt für Deutschland Gestaltungsspielraum.
Vogler, R., Doll, L. & Kopp, A.-K. (2024). Nationale tourismuspolitische Verantwortlichkeiten und ausgewählte Rahmenbedingungen in der Europäischen Union. Institute of Tourism, Travel & Hospitality, im Auftrag der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG).